Wirtschaftskriminalität únd Wirtschaftsstrafrecht- Das Leipziger Verlaufsmodell - Rechtsanwalt Grau

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Rechtsanwalt Dr. Kevin Grau zum Thema Wirtschaftskriminalität únd Wirtschaftsstrafrecht- Das Leipziger Verlaufsmodell


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Wirtschaftskriminalität únd Wirtschaftsstrafrecht- Das Leipziger Verlaufsmodell

Abstract
Prof. Dr. Schneider beschäftigt sich seit längerem mit den kriminologischen Ursachen von Wirtschaftskriminalität. Der nachfolgende Beitrag soll sein Leipziger Verlaufsmodell (Das Leipziger Verlaufsmodell wirtschaftskriminellen Handelns. Ein integrativer
Ansatz zur Erklärung von Kriminalität bei sonstiger sozialer
Unauffälligkeit; NStZ 2007, S. 555-562) kurz vorstellen:

"Gegenwärtig gibt es noch keinen kriminologischen Ansatz, der die Entstehungsbedingungen von Wirtschaftsstraftaten adäquat und vollständig erklären könnte. Dabei besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen den Tätern von Wirtschaftsdelikten und denen der so genannte Elends- oder Straßenkriminalität, so dass auch auf die hier entwickelten Theorien nicht uneingeschränkt zugegriffen werden kann. Empirische Untersuchungen (Vgl. z. B. Benson&Moore: Are white-collar and common offenders the same? An empirical and theoretical critique of a recently proposed general theory of crime; Journal of Research in Crime and Delinquency 29 (1992), 251-272; Weisburd&Waring: White-Collar Crime and Criminal Careers; Cambridge 2001) haben nämlich gezeigt, dass der überwiegende Teil der Wirtschaftstraftäter eine geringe oder keine Vorstrafen-belastung aufweist und im Hinblick auf das Spektrum verwirklichter Delikte weniger vielseitig ist als andere Straftäter. Außerdem ist das Einstiegsalter des Wirtschaftsstraftattäters in die Delinquenz höher, seine Bildung ist besser und allgemeine Verhaltensauffälligkeiten, wie zum Beispiel übertriebener Alkohol und Drogenkonsum, sind seltener. Aufgrund dieser und anderer Besonderheiten kann der überwiegende Teil der Wirtschaftsdelinquenz als Kriminalität bei sonstiger sozialer Unauffälligkeit (Vgl. zu diesem Begriff: Göppinger: Kriminologie; München 1997, 426ff) charakterisiert werden. Der sonst sozial unauffällige Täter ist nicht an seinem äußeren Erscheinungsbild zu identifizieren, sondern er verfügt in der Regel über die jeweiligen Accessoires seines Berufsstandes (wie z.B. Garderobe, Haarschnitt, Fahrzeug oder Visitenkarte), die erst Zugangsvoraussetzungen zu den Tätigkeiten beinhalten, aus denen heraus die Wirtschaftsdelikte begangen werden (Bock: Personales Risikomanagement in der Kriminalprävention von Spielbanken (im Internet veröffentlichter Vortrag: http://www.personales-risiko.de/set-literatur.htm [21.02.07])). Auch der Leistungsbereich des Wirtschaftstäters wird in der Regel intakt sein, so dass sich die Delinquenz im Unterschied zu den Tätern der Straßen- und Elendskriminalität gerade nicht parallel zu einem Zusammenbruch des Leistungsbereichs infolge struktureller Veränderung des Tagesablaufs ereignet.

Wenn dennoch, wie es auch das „Fraud Triangle“ der KPMG nahe legt, nicht nur situative, sondern auch persönliche Faktoren für die Entstehung von Wirtschaftsstraftaten ausschlaggebend sind, so müssen diese subtiler und weniger gut sichtbar sein als bei anderen Erscheinungsformen der Kriminalität. Bereits vorliegende Untersuchungen legen zum Beispiel Differenzen in der Wertorientierung (Näher: Bussmann: Kriminalprävention durch Business Ethics. Ursachen von Wirtschaftskriminalität und die besondere Bedeutung von Werten; zfwu 5 (2004), 35-50) und in den Relevanzbezügen, das heißt bei den charakteristischen Interessen und Grundintentionen des Wirtschaftsstraftäters nahe. Soziale Unauffälligkeit kann daher auch lediglich als Fassade eines bürgerlichen Lebensstiles inszeniert werden hinter der sich eine quasi subkulturelle Wertorientierung und ein entsprechender Lebensstil verbirgt.

Das nachfolgend skizzierte Leipziger Verlaufsmodell wirtschaftskriminellen Handelns benennt wesentliche personale und situative Risikofaktoren, die in Anlehnung an bestehende kriminologische Erkenntnisse (Vgl. insbes. den Ansatz von Coleman: Toward an integrated theory of white collar crime; American Journal of Sociology Vol. 93 (1987), 406-439; grundlegend zu den Neutralisierungstechniken bei Wirtschaftsdelikten: Cressey: Other people’s money; Glencoe 1953; zu den relationalen Begriffen adäquates bzw. inadäquates An-spruchsniveau und Verhältnis zu Geld und Eigentum: Göppinger: Kriminologie; München 1997 und Bock: Kri-minologie; München 2000, Rn. 627ff.; näher zum „Lebensstil der zu Geldknappheit führt“ ders.: Welcher Le-bensstil führt zu Geldknappheit. Grenzbereiche der Kreditvergabe aus kriminologischer Sicht (im Internet veröf-fentlichter Vortrag: http://www.personales-risiko.de/set-literatur.htm [21.02.07])) zur Erklärung des wirtschaftskriminellen Entscheidungspro-zesses spezifiziert worden sind.

Im Ausgangspunkt ist der Handelnde einer kriminogenen, das heißt zumindest prinzipiell als Gelegenheit für die Begehung einer Straftat interpretierbaren Situation ausgesetzt. Derartige Situationen entstehen im Arbeitsalltag und vor allem aus Routineaktivitäten, in denen sicherheitsrelevante Tätigkeiten ohne Kontrolle durch Dritte von immer denselben Mitarbeitern durchgeführt werden. Die links und rechts angebrachten Kästen repräsentieren Interpretationsmöglichkeiten dieser Situation durch den Handelnden. So kann ein aufmerksamer Mitarbeiter diesen Sachverhalt etwa als Sicherheitsrisiko wahrnehmen und Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsabläufe ausarbeiten. Gegebenenfalls unterbleibt die Wahrnehmung, wie durch den grauen Kasten symbolisiert werden soll, auch ganz, so dass es an einer Kenntnisnahme von der Sicherheitsrelevanz einer Situation überhaupt fehlt. Unter kriminologischen Gesichtspunkten problematisch ist lediglich die Wahrnehmung der Situation als günstige Gelegenheit mit der nachfolgenden Möglichkeit einer Umsetzung in eine konkrete Straftat.

Welche der hier vorgeschlagenen alternativen Interpretationen durch den Handelnden innerhalb der Pole von Sicherheitsrisiko einerseits und günstige Gelegenheit andererseits vorgenommen wird, ist abhängig von den geschilderten personalen Risikokonstellationen. Die personalen Risikokonstellationen kennzeichnen kriminovalente und kriminoresistente Ausgangsbedingungen, deren Vorliegen Straffälligkeit trotz der sonstigen sozialen Unauffälligkeit als wahrscheinlich beziehungsweise unwahrscheinlich erscheinen lassen. So bildet z.B. das in-adäquate Anspruchsniveau einen plausiblen Handlungsantrieb während die Existenz von Neutralisierungsstrategien es dem Handelnden ermöglicht, trotz der Interpretation einer Situation als günstige Gelegenheit, sein insgesamt nicht delinquenten Selbstbild aufrecht zu erhalten. Die Wertorientierung fungiert als Filter, durch den als mit den Werten grundsätzlich unvereinbare Verhaltensweisen zumindest nicht durchgeführt, gegebenenfalls auch schon überhaupt nicht ins Auge gefasst werden. Sind kriminoresistenten Werte nicht handlungsleitend oder für den Handelnden grundsätzlich ohne Bedeutung, fehlt es an einem inneren Halt, der die Begehung der Tat hindern könnte. Eine Orientierung an arbeitsplatzbezogenen Subkulturen, denen keine gegenläufigen Bindungen im Sinne von sozialem Kapital entgegenstehen, erleichtert die delinquente Entschlussfassung, weil das Verhalten selbst bei seiner Entdeckung durch Dritte innerhalb der Subkultur zumindest nicht auf Ablehnung stoßen wird.

Ergänzen sich diese Aspekte zu einem Syndrom krimineller Gefährdung, ist die Wirtschaftsstraftat erwartbar. Sie entspricht dann dem Lebenszuschnitt des jeweiligen Handelnden, obwohl dieser bei vordergründiger Betrachtung ein Leben unter der Fassade sozialer Unauffälligkeit geführt hat. Kriminalität kann aber auch unter der Voraussetzung des Zusammenwir-kens nur weniger personaler Risikofaktoren entstehen, so z.B. im Fall des „crisis responder“ (Weisburd&Waring: White-Collar Crime and Criminal Careers; Cambridge 2001, 78ff.), der das Anspruchsniveau nicht abgesenkt hat und sich in einer Situation spontan für die Kriminalität entscheidet."

Autor: Rechtsanwalt Dr. Kevin Grau



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