Wirecard Skandal: Was können Anleger tun.

Umsätze wachsen in den Himmel

Redaktion anwalt-seiten.de / Juni 2020:

Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung hat die Wirecard AG  jetzt beim Amtsgericht München Insolvenzantrag gestellt – als erstes Dax-Unternehmen überhaupt. Zuvor war bereits Haftbefehl gegen den ehemaligen Vorstandvorsitzenden und Gründer des Unternehmens Markus Braun erlassen worden.

Gerade vor einer Woche musste Wirecard bekannt geben, dass die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young Zweifel an der Bilanz für 2019 angemeldet hatte, deren Veröffentlichung bereits mehrmals verschoben worden war. 1,9 Milliarden Euro, die die Bilanz als Guthaben auswies, waren nicht auffindbar. Die Treuhandkonten, auf denen sich die Guthaben befinden sollten, existierten nicht, Unterlagen hierzu waren offenbar gefälscht. Die Wirecard AG selbst hat zwar Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt und sich als Opfer dargestellt, jedoch mehren sich Hinweise, dass die Verantwortlichen (auch) aus den eigenen Reihen kommen. Vorstandsmitglied und rechte Hand von Wirecard-Gründer Braun, der per Haftbefehl gesuchte Jan Marsalek, ist offensichtlich untergetaucht.

Allerdings kommt das Ganz nicht aus heiterem Himmel: Bereits im letzten Jahr berichtete die Financial Times mehrfach über Unregelmäßigkeiten bei Wirecard. Es ging u.a. um Kontomanipulationen und Dokumentenfälschungen in Singapur. Zudem gab es bei der Aktie extreme Kursschwankungen, was die Finanzaufsichtsbehörde BaFin und auch die Staatsanwaltschaft München zu Ermittlungen veranlasste. Wegen angeblicher Verstöße gegen US-amerikanische Wertpapiergesetze wurden schon 2019 Sammelklagen in den USA eingereicht, beispielsweise durch die US-Kanzlei Hagens Berman, die auch an Klagen gegen Volkswagen in der „Dieselgate-Affäre“ beteiligt war.

 

 

Für Anleger in Deutschland ist dieser Skandal natürlich auch eine finanzielle Katastrophe. Der Wert der Aktie hat 98% eingebüßt. Nach Stellung des Insolvenzantrags bleibt für Anleger jetzt wohl gar nichts mehr übrig…
Die Tübinger Anwaltskanzlei Tilp hatte bereits im Mai 2020, also noch bevor sich die Ereignisse überschlugen eine Sammelklage für ihre Mandantin, das Anlegermagazin Effecten-Spiegel, beim  Landgericht München I eingereicht. Gleichzeitig wurde ein Antrag nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) gestellt, um ein Musterverfahren vor dem Oberlandesgericht München einzuleiten. Dies geschah nachdem eine Sonderprüfung durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG die gegen das Unternehmen erhobenen Vorwürfe keinesfalls entkräften konnte, sondern eher noch bestätigt hatte.
Nach Stellung des Insolvenzantrags ist eine Klage gegen die Wirecard AG nun allerdings wenig aussichtsreich.

Einige Kanzleien haben jedoch einen Ausweg für Anleger: Eine Sammelklage gegen die langjährige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von Wirecard Ernst & Young. Die Kanzleien Schirp & Partner sowie Späth & Partner aus Berlin planen die „zeitnahe“ Einreichung einer Sammelklage.

Die Kanzleien gehen davon aus, dass den Wirtschaftsprüfern bei Befolgung ihrer gesetzlichen Prüfpflichten die bei Wirecard bestehenden eklatanten Unregelmäßigkeiten nicht hätten entgehen  dürfen.
Auch Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht Dr. Roman Podhorsky aus Münster plant ein Sammelverfahren nach dem Kapitalanlegermusterverfahrensgesetz (KapMuG) gegen Ernst & Young vor dem Oberlandesgericht Stuttgart.

Es ist zu erwarten, dass weitere Kanzleien Sammelklagen gegen Ernst & Young vorbereiten werden, so dass Anleger am Ende vielleicht doch nicht ganz leer ausgehen.

Wegen Pleite geschlossen

Linkservice:

Kapitalmarktrecht auf anwalt-seiten: suche?q=Kapitalmarktrecht

Schirp & Partner: https://schirp.com/de/

Späth & Partner: https://www.dr-spaeth.com/

Dr. Roman Podhorsky: https://www.rechtsanwalt-podhorsky.de/

KPMG Deutschland: https://home.kpmg/de/de/home.html

EY Deutschland: https://www.ey.com/de_de

Amtsgericht München: https://www.justiz.bayern.de/gerichte-und-behoerden/amtsgerichte/muenchen/